Können Sie das Gesicht Ihres Pferdes lesen?

Zum Teil sicherlich ja, denn angelegte oder auch gespitzte Ohren spiegeln den Gemütszustand gut wieder. Aber könnten Sie auch anhand des Gesichtsausdrucks und des Ohrenspiels den Schmerzgrad zuverlässig bestimmen? Vermutlich sagen Sie ja, ich kenne mein Pferd doch …aber könnte dies auch ein anderer so sehen, würde Ihr Tierarzt diesem zustimmen?

Ein internationales Forscherteam aus Italien, Deutschland und Großbritannien hatte sich genau dies vorgenommen, einen Standard zu erarbeiten, anhand des sogenannten Horse Grimace Scale (HGS) eine zuverlässige Schmerz-Analysemethode zu erarbeiten. Diese soll insbesondere langfristig Tierärzten helfen, Schmerzen auf einer Skala standardisiert einzuordnen und danach die erforderliche Schmerztherapie für das Pferd anzupassen.

Was lässt sich von Kaninchen lernen?

In Europa werden wohl 240.000 Pferde jährlich kastriert. Von anderen Tierarten weiß man, dass dies häufig sehr schmerzhaft sein kann. Trotzdem wurde laut einer britischen Studie eine analgetische Therapie (Schmerztherapie) nach der Kastration nur in 36,9% der Fälle durchgeführt. Woran liegt das? Ganz sicher auch daran, dass Pferde (wie viele Beutetiere) häufig still leiden und keine für den Menschen verständliche Kommunikation haben. Interessanterweise wurden für diesen Forschungsansatz Methoden verwandt, die für Mäuse, Ratten und Kaninchen schon erfolgreich eingesetzt werden. So wurden hier verschiedene sog.„Facial Coding Units (FAU)“ definiert, also Gesichtsausdrücke inkl. der Ohrenstellung definiert.

Auch beim Pferd fanden sich 6 solche FAUs (eins mehr als beim Kaninchen).

  • steife und nach hinten gedrehte Ohren
  • das Augenlid ist teilweise oder ganz geschlossen
  • Spannung über den Augen (Muskulatur angespannt)
  • prominent angespannte Kaumuskulatur
  • angespanntes Maul mit Kinnbildung (durch Unterlippenbetonung)
  • angespannte Nüstern mit abgeflachtem Profil

Hierbei wurde immer angegeben, ob dieses Merkmal nicht vorhanden = 0 Punkte, moderat vorhanden = 1 Punkt oder deutlich vorhanden = 2 Punkte war. (Auch die Option „ich weiß nicht“ war möglich). Das heißt der maximale Score ist 12.

Diese Arbeit wurde zuerst in einer Pilotstudie mit 8 Hengsten durchgeführt, und dann nochmals mit 40 Hengsten überprüft und bestätigt. Wir beschränken uns in dieser verkürzten Zusammenfassung auf die Hauptstudie und deren Ergebnisse für die FAU. Am Ende des Artikels verweisen wir auf die Originalstudie zum Weiterlesen.

Studienverlauf:

Die 40 Hengste wurden randomisiert (nach dem Zufallsverfahren) in 2 Gruppen A und B aufgeteilt. Beide Gruppen wurden mit einer Flunixin-Injektion (1,1mg/kg intravenös i.v.) analgetisch behandelt und in Vollnarkose kastriert. Die Gruppe B erhielt aber sechs Stunden nach der OP eine orale Flunixin-Gabe. Darüberhinaus gab es noch eine Kontrollgruppe C mit 6 Pferden, die dasselbe Anästhesie Protokoll wie A und B durchliefen und ebenfalls eine Flunixin-Injektion (1,1mg/kg i.v.) erhielten, aber bei der kein Eingriff vorgenommen wurde.

Die Pferde wurden mittels zweier Videokameras aufgenommen. Zum einen am Abend vor der OP und dann zu ähnlicher Tageszeit 8 h nach der OP, denn dies war nach der Pilotstudie der Zeitpunkt, an dem die meisten Schmerzen auftraten. Die Videos wurden von einer Assistenz gesichtet, die keinerlei Erfahrung im Bestimmen von Schmerzen in Gesichtern hatte. Sie hat nur darauf geachtet, dass die Köpfe gut im Bild waren und die Fotos passend zurechtgeschnitten, damit keinerlei Hinweise durch weiteres Verhalten der Pferde in die Bewertung einfließen könnte.

Hiernach wurden 126 zufällig ausgewählte Bilder an fünf verblindete (d.h. sie wissen nicht aus welcher Gruppe die Pferde stammen und ob die Bilder vor oder nach der OP enstanden)  Gutachter zur Beurteilung nach dem „Horse Grimace Scale“ gegeben. Diese Gutachter (Wissenschaftler, Veterinärmediziner oder –studenten)  hatten 40 Minuten Zeit diese Bilder zu bewerten.

Abb. Durchschnittlicher HGS vor (a) und 8 h postoperativ (b), Kontrolle (c) und (d) keine Veränderung Entnommen aus der Arbeit von Dalla Costa E. et al (2014)

Durschnittlicher HGS vor der Operation und 8 Stunden danach.

Ergebnisse und Diskussion:

Die Ergebnisse dieser Studie zeigten einen deutlich erhöhten HGS Score acht Stunden nach dem Eingriff in den Gruppen A und B, wie auch oben exemplarisch in der Abbildung gezeigt (Abb. a und b). Die Kontrollgruppe ist unverändert (Abb. c und d). Es zeigte sich aber in der Gruppe A (eine Fluxinin-Gabe) und B (2 Fluxinin-Gaben) kein signifikanter Unterschied. Hier müßte man weitere Studien anschließen, um eine ideales Behandlungsschema zu finden. Aber ein Ziel der Studie, einen standardisierten Ansatz für den HGS zu finden, wurde klar erreicht. So fiel die Übereinstimmung zwischen den 5 Beobachtern  hoch aus. Der sog. Korrelationskoeffizient lag bei 0,92 (der Maximalwert liegt bei +1).

Die durchschnittliche Genauigkeit des HGS lag bei 73,3%, was zwar geringer war als z.B. bei Maus (97%) oder Kaninchen (84%). Hier wird in der Studie diskutiert,  dass dieses wohl auf mangelnde Fotoqualität (z.B. bei Frontalfotos) insbesondere bei dunklen Pferden zurückzuführen sein könnte. Hier lassen sich die FAU nicht so leicht erkennen, wie bei helleren Pferden.

Demnach zeigt diese Studie, dass HGS wie bei anderen Spezies auch eine potentiell zuverlässige Methode zur Schmerzbewertung beim Pferd ist.

Wenn Sie hierzu mehr lesen wollen, verweisen wir auf den Originalartikel von

„Development of the horse grimace scale as an pain assessment tool in horses undergoing routine castration” , Dalla Costa E; Minero M; Lebelt ; Stucke D; Canali E; Leach MC, 2014, online unter http://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0092281

Inzwischen wurde der Horse-Grimace-Scale auch in weiteren Studien eingesetzt, um beispielsweise Schmerzen bei akuter Hufrehe (Laminitis) besser einschätzen zu können.

Dieses und viele andere Themen stellen wir auch in unserem Kurs zum Thema Pferdehaltung und Tierwohl vor.

Der nächste Kurs startet am 19. Januar.