Tödliche Vergiftung durch Bergahorn

Alleine in der Salzburger Gegend sind dieses Jahr schon mindestens 15 Pferde nachweislich an der atypischen Weidemyopathie (AM) gestorben.  Aber auch in Deutschland und vielen Nachbarländern treten immer wieder Vergiftungen auf und für 75% bis 90% der Pferde endet dies tödlich. Meist werden die Pferde am nächsten Tag tot auf der Weide aufgefunden. Wir fassen hier den Stand der Wissenschaft zusammen und erklären insbesondere, wie Sie Ihre Pferde schützen können, denn diesen Herbst erkranken besonders viele Pferde.

Atypische Weidemyopathie? Was ist das?

Die atypische Weidemyopathie (Myopahtie = Muskelerkrankung) wird in unseren Breitengraden meist durch die Samen oder Keimlinge des Bergahorns ausgelöst, den die Pferde auf der Weide mitfressen. In USA sind es primär die Samen des Eschenahorns. Diese können zu einer Vergiftung führen, die sich in einer sogenannten lokalen Rhabdomyolyse, d.h. zu einer Auflösung der quergestreiften Muskelfasern äußert. Hiervon sind nicht nur die Haltungsmuskulatur, sondern auch die Atemwegs- und Herzmuskulatur betoffen.

Diese Erkrankung ist bereits schon länger seit den 1950iger Jahren unter verschiedenen Begriffen beschrieben worden, aber es tritt in den letzten Jahren gehäufter auf. So fand man immer wieder Pferde in Europa, Nordamerika oder Australien, die offensichtlich an einer Myopathie erkrankten und meist verendeten. Auffällig war, dass die betroffenen Pferde (oft auch Zuchttiere oder Fohlen) dies immer auf Weiden entwickelt haben und einen untypischen (medizinisch immer atypisch genannt) Verlauf hatten. In Europa wird in der Fachliteratur meist der Begriff Atypische Myopathie (AM) verwendet, in Amerika spricht man von der „Seasonal pasture myopathy“(SPM), also von der saisonal auftretenden Weide-Myopathie.

In Deutschland gab es im Herbst/Winter 1995 wohl mit 115 Pferden den größten zeitlich begrenzten Erscheinungszeitraum, der in 111 Fällen tödlich verlief. Das Rätsel des Auslösers wurde zuerst in USA 2012 gelöst.

Dem Auslöser auf der Spur

Die saisonale Begrenzung insbesondere im Herbst  und der Zusammenhang mit dem Weidegang war ein Hinweis darauf, dass diese Form der Myopathie vermutlich durch die Aufnahme giftiger Samen erfolgen könnte. Daraufhin haben Stephanie Valberg und ihr Team von der University of Minneapolis von 12 betroffenen Pferden, die auf 11 Weiden standen diese Weiden auf ihren Pflanzenbestand und deren Samen untersucht. Dabei galten 10 Pferde als bestätigt für SPM, 2 weitere als Verdachtsfälle. 9 verschiedene Rassen, davon 8 Wallache, 1 Hengst und 3 Stuten im Alter von 2-16 Jahren (Durchschnittsalter 5,5 Jahre).

Es fanden sich auf allen Weiden Eschenahorn-Bäume (Acer negundo) und in deren Samen lies sich die Aminosäure Hypoglycin A in sehr unterschiedlicher Menge nachweisen. Hypoglycin A und deren Stoffwechselprodukte (Metabolite) waren bereits bekannt als Auslöser der sog. Jamaican Vomiting Sickness, die durch Verzehr unreifer Akee Früchte auftreten konnte. Auch in unreifen Leechefrüchten führte eine zu hohe Konzentration an Hypoglycin A bereits öfter zu tödlichen Vergiftungen insbesondere bei Kindern.

Bei den SPM Pferden wurde ein toxischer HypoglycinA-Metabolit (MCPA) im Serum und Urin nachgewiesen. MCPA (Methylene cyclopropyl acetic acid) behindert den Energiestoffwechsel, da die Muskelzellen das Lipid nicht mehr als Hauptsubstrat verwenden können. Somit wurde erstmals Hypoglycin A als möglicher Auslöser postuliert.

Die Studie von Valberg umfasste auch 23 Kontrollweiden, in deren Bestand sich auch auf 14 Weiden (61%) Samen vom Eschenahorn finden liesen, aber keine erkrankten Pferde.

Bestätigung auch für Bergahorn

Nachdem man Hypoglycin A und Ahornarten bzw. deren Samen als möglichen Auslöser erkannt hatte, folgten auch in Europa mehrere Studien. Dabei fanden sich auch in Keimlingen und Samen des Bergahorns (Acer pseudoplatanus) HypoglycinA (HGA) und auch deren Metabolite in AM-betroffenen Pferden. So hat eine Studie von Mandy Bochnia der Uni Halle-Wittenberg und Kollegen erkrankte Pferde und deren Weidepartner auf HypoglycinA und deren Metabolite untersucht. Im Herbst 2013 und 2014 wurden insgesamt 16 erkrankte Pferde (7 Warmblüter, 4 Haflinger, 5 Dt. Reitponies) untersucht, 7 Wallache, 2 Hengste und 7 Stuten im Alter von 1,5 – 16 Jahren. von denen nur 1 Pferd, ein 16 jähriger Hengst, die Erkrankung überlebt hat.

Abb.: 11 Weiden, 16 an AM erkrankte Pferde (WB = Warmblut, RP = Dt. Reitpony, HF = Haflinger) und Weidepartner (adaptiert nach der Studie von Bochnia et.al.)

Bei den erkrankten Pferden wurden HGA-Werte im Serum von 378,8 – 8493,8 μg/L  und im Urin von 143.8–926.4μg/ L gefunden. Die Kontrollen lagen bei unter 10μg/L. Im Vergleich hierzu wurde auch bei den klinisch unauffälligen Weidepartnern deutlich erhöhte Werte im Blut (108.8 ±83.76 μg/L) und Urin (26.9 ±7.39μg/L) nachgewiesen.

9 der 11 Weiden wurden direkt nach dem Auftreten der AM oder max. 14 Tage später von einem Biologen und einem Veterinär gemeinsam besucht. Es wurde zahlreiche Fotos gemacht und Proben eingesammelt, die auf den HGA Level untersucht wurden. Auch in dieser Studie schwankte der HGA Level der Samen sehr, so dass man hier keine zuverlässige Aussage machen kann, ab welcher Menge die Samen eine vergiftende Dosis ausmachen. Laut Schätzungen der Veterinärmedizinischen Hochschule Wien könnten hier 165 -8000 Samen genügen. Ein Ahornbaum kann aber bis zu 500.000 Samen abwerfen.

Auf dem Foto unten sind mit Pfeilen die kritischen Samen gekennzeichnet, der nächste Bergahorn stand 50m von diesem Foto entfernt.

Abb.: Bergahornsamen auf einer Weide (Bildquelle doi:10.1371/journal.pone.0136785.g003)

Die Studie von Bochnia zeigte auch, dass die AM nicht nur Pferde betrifft, die ganztägig auf der Weide gehalten werden, wie dies ursprünglich angenommen wurde, sondern auch Pferde mit kürzeren Weidezeiten und auch mit zusätzlicher Heu- und Kraftfutterfütterung betrafen.

Wer die Studie im englischen Originaltext lesen möchte: Bochnia et al, kann diese hier herunterladen PLOSONE|DOI:10.1371/journal.pone.0136785 September17,2015

Darüberhinaus empfehlen wir zur sicheren Bestimmung des Bergahorns folgende gut bebilderte Quelle (pdf im Downloadordner)

Pflanzenporträt: Acer pseudoplatanus – Berg-Ahorn (Aceraceae), Baum des Jahres 2009 VEIT DÖRKEN



Weitere Studien

In einer weiteren Studie unter der Leitung von Dominique Voiton der Uni Lüttich beschrieben  Baise et.al. 2016 dass bei einem klinisch gesunden Pferd höhere Werte im Serum 7.98 μmol/l gefunden wurden als bei an AM erkrankten Pferden (5.47 ± 1.60 μmol/l), während 2 weitere gesunde Weidepartner nur eine geringere Erhöhung zeigten, wie dies auch in der Studie von Bochnia et al. oben beschrieben wurde. Deshalb spekulieren die Autoren dass es noch zusätzliche Faktoren geben muss, um die klinische Form auszulösen.

Übrigens stellten Wissenschaftler der Uni Utrecht 2016 fest, dass der Feldahorn oder Spitzahorn kein HGA enthalten uns somit für ungefährlich erachtet werden.

Es mag durchaus sein, dass noch weitere Faktoren eine Erkrankung fördern.  Im Verdacht sind beispielsweise Bodenbakterien (Clostridien) oder auch Schimmelpilze wie Fusarium,  die bei Nachtfrösten vermehrt Mykotoxine bilden. Auch gibt es Anzeichen dafür, dass ungepflegte Weiden (viele Geilstellen, keine Düngung mit Kalkstickstoff) und auch der Befall mit Ektoparasiten häufiger bei AM Pferden der Fall ist. Regelmäßig entwurmte Pferde oder auch stark gearbeitete Pferde scheinen seltener betroffen zu sein.

Erkennen von Atypischer Myopathie

Die Anzeichen für AM sind sehr unterschiedlich.

  • Dringender Verdacht besteht, wenn mehrere Pferde zeitgleich auf der Weide festliegen
  • Bergahorn Bäume auf der Weide oder in der Nachbarschaft (muss aber nicht sein, denn die Flügelsamen können sehr weit fliegen).
  • Kolik- oder Kreuzverschlaganzeichen
  • steifer oder schwankender Gang, Koordinationstörungen, Bewegungsunlust
  • Muskelzittern, Schwitzen, erhöhte Atmungsfrequenz
  • Dunkler Urin und/oder stark gefüllte Harnblase
  • Probleme beim Schlucken

In jedem Fall sollte der Tierarzt direkt verständigt werden. Eine Blutuntersuchung bringt die Diagnose.

Vorbeugen ist die beste Prophylaxe

  • Sie sollten Ihre Weiden auf Bergahorn kontrollieren und diesen sicher bestimmen. Kommt auf Ihren Weiden Bergahorn vor, sollten diese Weiden in der kritischen Zeit von Oktober bis Mai für Pferde gesperrt werden. Denn in dieser Zeit fliegen die Samen im Herbst und im Frühjahr wachsen die Keimlinge heran, die auch HGA enthalten.
  • Insbesondere steigt das Risiko im Herbst auf Weiden, die kaum mehr eine gute Futtergrundlage bieten, wie dies ja auch dieses Jahr häufig vorkommen wird.
  • Holen Sie insbesondere über Nacht die Pferde in den Stall und begrenzen Sie den Auslauf.
  • Lassen Sie die Pferde bei bereiftem Gras, erst mittags auf die Koppel. Pferde fressen ungern bereiftes Gras und suchen deshalb auch gerne unter Bäumen unbereifte Alternativen.
  • Grundsätzlich sollten alle Pferde einen Mineralleckstein haben und Zugang zu Leitungswasser.

Wenn Sie die Pferde dauerhaft draußen halten müssen, können Sie die Gefahr durch folgende Maßnahmen reduzieren, aber nicht ausschließen:

  • Grenzen Sie die Ahornareale großzügig ab. Kontrollieren Sie regelmäßig Ihre Weide auf Ahornsamen und sammeln Sie diese ab.
  • Füttern Sie qualitativ hochwertiges Heu auf der Weide in Raufen zu (nicht auf dem Boden).
  • Der Pferdegesundheitsdienst Sachsen empfiehlt für Sachsen und Thüringen, die als Selen-Mangel-Gebiet bekannt sind, unbedingt einen Ausgleich mit Mineralfutter zu schaffen.

Sorgen Sie vor im Sinne Ihrer Pferde!

Insbesondere ein Jahr wie dieses fördert durch die extreme Trockenheit, dass vermehrt Samen gebildet werden (sog. Mastjahr) und man geht davon aus, dass dies nun regional unterschiedlich alle 2-3 Jahre vorkommen wird. Gleichzeitig sind insbesondere in trockenen Jahren die Weiden abgegrast und Pferde suchen Alternativen zum Fressen.

Die AM ist nicht meldepflichtig, aber es gibt an der Veterinärmedizinischen Fakultät der Universität Lüttich (Liege) ein Melderegister, damit die Forschung rund um diese Erkrankung vorangetrieben wird. Bitte machen Sie dies auch weiter publik.

http://labos.ulg.ac.be/myopathie-atypique/de/berichten-uber-einen-klinischen-fall-tierarzt/